Zuletzt aktuallisiert: 17.11.2018, 14:05:16 Uhr Angedacht


Dem Frieden nach-„jagen“? Das kommt mir komisch vor! Was auch immer sonst damit gemeint ist – am Ende geht es bei der Jagd doch ums Töten. Den Frieden mühsam aufspüren und dann töten? Merkwürdig. Aber was in der deutschsprachigen Tradition mit „nachjagen“ übersetzt wird, meint im Urtext des Psalms „eifriges Folgen“. Das klingt vielleicht nicht so schön, ist aber genauer. So passt der Vers als Jahreslosung ganz gut für das bevorstehende Jahr 2019, denke ich. Er leitet mich in drei Schritten::
1.Suchen __Ein Mangel wird spürbar – Sehnsucht entsteht – ich werde aktiv
Frieden ist zwar ein Geschenk Gottes, fällt aber trotzdem nicht einfach so vom Himmel, sondern versteckt sich. Wenn wir mit jemandem Frieden schließen wollen, beispielsweise nach einem Streit, dann beginnt dieser Frieden entweder in einem Schuldeingeständnis und der zugehörigen Vergebung des Anderen oder aber in einem Kompromiss. Das müssen die Beteiligten wollen, Kompromisse müssen gesucht werden. Und es kann mühsam sein.
2. Frieden __Wonach ich mich sehne – Wunden verheilen langsam
Im Bruchteil einer Sekunde habe ich mir beim Kochen tief in den Finger geschnitten – es vergehen viele Wochen, bis das verheilt. Heilung braucht oft länger als gedacht. Wer sich nun z.B. mit den Ursachen und Folgen des 1. Weltkriegs beschäftigt, dem sollte schnell klar werden, dass Krieg und Gewalt noch sehr sehr lange unter den Menschen und Völkern nachwirken und wirklichen Frieden schwer machen. Auch die Zeit nach der Nazi-Diktatur, die wir hier in Deutschland als eine Friedenszeit erleben dürfen, ist global gesehen immer noch von den Nachwirkungen des „Großen Krieges“ gezeichnet und schwer belastet. Vor allem die ehemaligen Kolonien der europäischen Großmächte sind betroffen. Kann man ernsthaft erwarten, dass Völker nach z.T. jahrhundertelanger, oft menschenverachtender Ausbeutung, plötzlich ein Reich des Friedens errichten, nur weil vor wenigen Jahrzehnten die Kolonialherren abgezogen sind?!
3. Nachjagen, besser: Eifrig Verfolgen – Die Einstellung ändern
Frieden entsteht also noch nicht allein durch das Ende von bewaffneten Kriegshandlungen. Frieden braucht eine Veränderung der Grundhaltung - im persönlichen Bereich, im sozialen Gefüge, genauso wie auf politischer Ebene. Schuldeingeständnisse und Bereitschaft zur Wiedergutmachung sind nötig. Anstelle scheinheiliger Handelsabkommen mit korrupten Eliten, die meist nur billige Rohstoffe und Absatzmärkte für die eigene Industrie im Blick haben, müssen wir uns um echte und nachhaltige Versöhnung bemühen.
Frieden ist nie etwas beständiges, sondern flüchtig wie ein scheues Reh, dem man sich nur durch vorsichtige und eifrige Verfolgung immer wieder nähern kann.
Wer sich ernsthaft dem „scheuen Reh“ des Friedens nähern will, muss lernen, die Bedürfnisse anderer Menschen und Völker zu respektieren und aufhören, allein die eigenen Vorteile zum Maßstab seiner Entscheidungen zu machen.
Das Jahr 2019 gibt jeder Frau, jedem Mann, sowie der ganzen Menschheit wieder Gelegenheit dazu.

Ihr
Pfarrer Thomas Ludwig




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